Verena Voser besuchte von 1957 bis 1963 die öffentliche Schule im Kanton Waadt. Das pädagogische Prinzip «leçons de choses» bildete damals die Basis für den Unterricht. Ausgehend von einem konkreten Objekt führten Entdeckungen, Beobachtungen, Zeichnungen, Experimente, Überlegungen, Verknüpfungen und Speicherungen zu einer Wissenserweiterung und zu einer Annäherung an eine abstrakte Idee, die als wichtig erachtet wurde für das Denken und Verstehen der Welt.
Verena Voser integriert zufällig wieder gefundene Schulhefte, welche in der ersten und zweiten Primarklasse in den Jahren 1959/1960 entstanden sind, in ihr Buch «livre de choses». In den neuen Heften «cahiers de choses» nimmt sie die Idee der «leçons de choses» auf und setzt sie bildnerisch um.
Wenn Hefte aus der frühen Primarschulzeit in der Westschweiz zum Impuls für die aktuelle Arbeit werden.
Vernissage:
Sonntag, 12. April, 11–13 Uhr
Einführung von Lotti Etter, 11.30 Uhr
Öffnungszeit:
Samstags, 18. und 25. April, 2. Mai, 11–14 Uhr
Finissage:
Samstag, 9. Mai, 11–14 Uhr
Verena Vosers Atelier in Horw ist klein, sehr klein. Doch man soll nicht nach dem Unmöglichen greifen, sondern das Mögliche ausschöpfen, meint die Künstlerin zur räumlichen Gegebenheit. Und diese Aussage charakterisiert auch eine bestimmte Wesensart der Künstlerin. Das Atelier ist funktional und durchdacht organisiert. An den Wänden hängen gefaltete Papierarbeiten wie an einem Trockenständer und beanspruchen nur minimalen Platz. Bündig neben dem Arbeitstisch steht ein schmales Gestell, in welchem diverse Tuschflaschen deponiert sind und darauf befindet sich eine Kochplatte, auf der eine Pfanne mit Wachs zur Verarbeitung bereitsteht. Grossformatige Werke lassen sich hier kaum realisieren, hingegen differenzierte Arbeiten, die auf einem klaren Konzept basieren und in ihrer Umsetzung grosse Sorgfalt und einen ausgeprägten Sinn für Variationen erfordern. Auf diese Herausforderung lässt sich die Künstlerin fast täglich ein. Die Entwicklung von bebilderten und oft auch beschrifteten Büchern, wie sie Verena Voser seit 2022 herstellt, ist enorm zeitaufwändig. Das stört die Künstlerin absolut nicht, es scheint ihr eher willkommen. Vielleicht ist es der Sog des vertieften Eintauchens in einen künstlerischen Prozess, der bis zum Zustand des Flows führen kann, den sie liebt und der sie schon lange nicht mehr loslässt.
In der aktuellen Ausstellung zeigt Verena Voser ein grosses selbstgebundenes Buch und eine Serie von kleineren Heften zum Thema «leçons de choses». Ausgangspunkt bildet der Fund von einigen Schulheften aus ihrer Schulzeit von 1957 bis 1963 im Kanton Waadt. Selbst als Pädagogin tätig, erinnerte sie sich an das aussergewöhnliche pädagogische Prinzip der «leçons de choses», das sie als Kind im Unterricht der öffentlichen Schule erlebt hat. Das Prinzip verfolgte eine Methode, die vom konkreten Objekt über Beobachtungen, Experimente, Überlegungen und Zeichnungen zu einer Wissenserweiterung und zu einer Annäherung an abstrakte, wissenschaftliche Zusammenhänge führte. Es war ein Versuch, den Kindern die Welt zu erklären. Die von Voser wiederentdeckten Hefte sind ein Zeitdokument dieser Pädagogik, die damals in der Waadt bereits in der Unterstufe der Primarschule angewandt wurde und aus heutiger Sicht Erstaunen auszulösen vermag.
Auf dieser Grundlage entstand das «livre de choses», das aus 24 Heftseiten vom aufgefundenen «cahier de choses»“ besteht. Die leicht vergilbten Heftseiten hat die Künstlerin zuerst in grosse Baumwollkartons gefasst. Die botanischen Inhalte dienten ihr als Ausgangspunkt für eine künstlerische Weiterentwicklung, die sie mit Tusche und Restelementen anderer Arbeiten bis auf den Karton hinaus ergänzte. Die gestalterische Weiterführung bewegt sich analog zum Seitenthema in den Gesetzmässigkeiten der Botanik. Die Ergänzungen lassen sich als zeitgenössische Übersetzung lesen. Dieser Auseinandersetzung schwingt unweigerlich ein innerer Dialog zwischen dem lernenden Kind von damals und der reflektierenden Künstlerin von heute mit. Die Frage bleibt offen, welche Erinnerungen an die eigene Kindheit beim Bearbeiten der Schulhefte wohl aufgetaucht sind.
Die Themenfelder der «leçons de choses»-Pädagogik beinhalteten nicht nur Botanik wie Zoologie, sondern auch Geografie, Geologie und das Gebiet der physikalischen undchemischen Phänomene. Verena Voser hat innerhalb dieses Schaffenszyklus zusätzlich neun aktuelle «cahiers de choses» geschaffen. Thematisch verlässt sie dabei die Botanik und orientiert sich an den vier klassischen Elementen Feuer, Luft, Erde und Wasser. Diese ergänzt sie mit den Phänomenen Raum, Zeit, Klang, Metall und Organismus. In der bildnerischen Umsetzung benutzt sie für jedes Element ein konkretes Bildmotiv wie den Tropfen für das Wasser oder den Flügel für die Luft. Mit jedem dieser neun Elemente und den zugehörigen Motiven hat die Künstlerin ein sechsseitiges Heft entwickelt. Auf den einzelnen Seiten jedes Hefts sind gestalterische Varianten zum gewählten Thema gesetzt, die das reiche Formen- und Farbenrepertoire der Künstlerin sichtbar machen.
Mit diesen Arbeiten sei die Auseinandersetzung mit den alten Schulheften abgeschlossen, bekundet Voser. Im Atelier warten bereits vergrösserte Fotografien einer üppigen Bepflanzung im wilden Garten ihrer Tochter auf eine künstlerische Bearbeitung. Es sind oft zufällige oder alltägliche Augenblicke, die ihre Aufmerksamkeit wecken und die sie zu einer Werkserie inspirieren. Nichts Grossartiges, unscheinbar und unauffällig kann es sein, damit es die Künstlerin in ihre Gedankenwelt aufnimmt und mit Sensibilität weiterentwickelt. Auch Sprache ist für sie ein wichtiges Ausdrucksmittel, das sie bei der Visualisierung für eine präzise Differenzierung einsetzt.
So wie ihr Atelier äusserlich von Klarheit und Ordnung geprägt ist, schafft sich die Künstlerin auch gedanklich präzise Strukturen für ihre Arbeit. Dieser gesetzte Rahmen eröffnet ihr jene Freiheit, in der sich ihre künstlerische Schaffenskraft entfalten kann.
12.4.2026 / Lotti Etter